Begleitstudium Philosophie

BEGLEIT-STUDIUM PHILOSOPHIE

Warum Philosophie?

Die Philosophie geht den Dingen und dem Menschen auf den Grund. Seit jeher ist sie eine Bewegung des Staunens, in der Menschen die Welt und den Geist ergründen und in einem Prozess der Verwurzelung im Denken zu sich selbst finden. In der Philosophie erscheint die Vergangenheit nicht einfach als vergangen, sondern als fruchtbare Quelle für Denkwürdiges und Neues, im Sinne eines Mitspracherechts der Geschichte.
Wie können wir angesichts der Spezialisierung und Ökonomisierung heutiger Bildung dieses Potenzial von Selbst- und Weltgestaltung für die Gegenwart fruchtbar machen?

Wie sieht das Begleitstudium aus?

Mit dem Begleitstudium Philosophie laden wir dazu ein, auf existenzielle Weise Freundschaft zu schließen mit der Philosophie und dem Denken.
Im Sinne eines übergreifenden Studium generale blicken wir gemeinsam auf Fragen, die im Fachstudium, in der Ausbildung oder im Berufsalltag zu kurz kommen oder nicht gestellt werden können – philosophische Fragen, die auf grundlegende und selbst errungene Orientierung im eigenen Leben und in der Welt zielen.
Zur Arbeit an diesen Fragen treten wir in eine bewusste Begegnung mit dem vielfältigen Erbe europäischer Philosophie und Geistesgeschichte.
Im Verlauf von fünf zusammenhängenden Wochenenden widmen wir uns den entscheidenden Weichenstellungen und Denkbewegungen der Philosophiegeschichte und setzen jeweils einen inhaltlichen Schwerpunkt anhand eigener Fragen. In einer optionalen Sommerwoche können wir das Entwickelte auf kreative und künstlerische Weise vertiefen. Für die Phasen zwischen den Wochenenden werden wir kleine Handreichungen für eine individuelle Vertiefung mit den Themen der Seminare zur Verfügung stellen.

Was nehme ich mit?

Die Beschäftigung mit der Geschichte des menschlichen Fragens und Denkens ermöglicht es, aus dem Festen, Gegebenen der Gegenwart und ihren Vorentscheidungen herauszutreten und von dort aus neu in das eigene Leben und die Mitgestaltung der Welt einzutauchen.
An Texten und Kunstwerken schulen wir die Beweglichkeit und Klarheit des Denkens, üben uns in der Wahrnehmung und gehen intensiv ins Gespräch über die Bedeutung all dessen für die Gegenwart.

„Die Gedanken kommen zu mir,
ich bin ihnen nicht mehr fremd.
Ich wachse ihnen als Stätte zu
wie ein bebautes Feld.“

Hannah Arendt, Denktagebuch, Juni 1951

„Die Gedanken kommen zu mir,
ich bin ihnen nicht mehr fremd.
Ich wachse ihnen als Stätte zu
wie ein bebautes Feld.“

(Hannah Arendt, Denktagebuch, Juni 1951)

DENKWÜRDIGKEITEN: TERMINE UND INHALTE DER WOCHENENDEN

Denkwürdigkeit #1

Grundprobleme der Gegenwart:
Philosophieren im Anthropozän

Was Dich erwartet…

Hannah Arendt und Günther Anders haben das 20. Jahrhundert in beispielhafter Weise als wache Zeitgenossen wahrgenommen, gedanklich durchdrungen und in Worte gebracht: Angesichts des Naziregimes untersucht Arendt die Phänomene des politischen Totalitarismus und der Banalität des Bösen. Günther Anders hat die nie zuvor gekannte Bedrohung der Menschheit durch die Atombombe und die damit einhergehende Allmacht der Technik umgetrieben. Beide werfen die Frage auf, wie eine Philosophie in der Gegenwart angesichts dieser Signaturen ausgebildet werden kann, die den freien Menschen stärkt. Am ersten Seminarwochenende beschäftigen wir uns mit Texten von Hannah Arendt und Günther Anders, um von dort her zu verstehen, mit welchen Grundproblemen wir in unserer Gegenwart konfrontiert sind, was uns die Philosophie ermöglicht und welche Fragen sich daraus für das gemeinsame Jahr im Begleitstudium ergeben.

Denkwürdigkeit #2

Wahrheit und Erkenntnis: Erkundungen unseres Denkens und Wahrnehmens

Was Dich erwartet…

Am zweiten Wochenende erkunden wir unseren Zugang zur Wirklichkeit, der so alltäglich ist, dass wir ihn kaum bewusst bemerken: unser Denken und unser Wahrnehmen. Wie vollzieht sich eigentlich die Tätigkeit des Denkens? Was passiert, wenn ich mein Wahrnehmen schule? Was bedeutet es, ein Urteil zu fällen? Wann mache ich eine Erfahrung von Wirklichkeit? Wie hat sich die Frage nach Wahrheit in der Geistesgeschichte entwickelt? Welche Rolle spielt das Erkennen für mein Tätigsein in der Welt? Wie können wir von dort ausgehend unser heutiges Wahrnehmen und Denken so ins Bewusstsein bekommen, dass wir (wieder) wahrheitsfähig werden? – All das sind Fragen, die wir erforschen und diskutieren. Dabei ziehen wir einschlägige Textausschnitte aus der Philosophie zu Rate, experimentieren mithilfe von Übungen und lernen dadurch eine Philosophie kennen, die in jedem Moment etwas mit unserem Leben zu tun hat – wenn wir hinschauen.

Denkwürdigkeit #3

Natur und Technik:
Signaturen und Gefährdungen des Lebendigen

Was Dich erwartet…

Ausgehend von der Frage nach unseren Erkenntnismöglichkeiten wenden wir uns im dritten Block derjenigen Welt zu, die uns immer schon umgibt. Dies ist zunächst die Welt der Natur, des Lebendigen, in die der Mensch eingebettet ist. Selten war diese Welt so unsichtbar und gefährdet wie heute, da sich die menschliche Kultur mithilfe von Wissenschaft und Technik weiter denn je von ihr entfernt hat und zugleich tiefer denn je in die Lebensprozesse eingreift. Wir fragen die Philosophiegeschichte, was Natur und Leben in anderen Epochen bedeutet haben und wie sich das Verständnis der Natur durch die Jahrhunderte gewandelt hat. Um heutige Problemlagen zu verstehen, legen wir dabei einen besonderen Schwerpunkt auf das Aufkommen der neuzeitlichen Wissenschaften und Technik und der damit verbundenen Beherrschungslogik einer als Maschine begriffenen Natur, die bis zur technischen Formung des Menschen ausgreift.

Denkwürdigkeit #4

Biographie und Geschichte: Zwischen Vergangenheit und Zukunft (Exkursion)

Was Dich erwartet…

Nach der Beschäftigung mit der natürlichen und der technischen Welt und ihrem Verhältnis blicken wir auf eine Eigenheit des Menschen: das Phänomen des Geschichtlichen, das sowohl in der individuellen Biographie als auch in der Weltgeschichte auftritt. Wir begeben uns dafür gemeinsam auf Reisen, um das konkrete Geschehen von einigen Biographien und Begegnungen an ihrem geschichtlichen Ort exemplarisch in den Blick zu nehmen. In Weimar beschäftigen wir uns mit der Freundschaft von Goethe und Schiller in der Zeit um 1800 und fragen nach ihrer biographischen Bedeutung. Von dort aus können wir, gleichsam im Kontrast, bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Buchenwald die menschlichen Abgründe des 20. Jahrhunderts erleben. Wir fragen uns, wie sich aus der Spannung des Menschenbildes um 1800 und der Katastrophen des 20. Jahrhunderts ein historisches Gewissen für die Gegenwart bilden kann.

Denkwürdigkeit #5

Freiheit und Geist:
Wie werde ich ein Ich?

Was Dich erwartet…

In der Beschäftigung mit Biographie und Geschichte kann die Frage nach dem Verhältnis von Determinismus, Indeterminismus und Freiheit entstehen. Wie kann ich ein selbstbestimmtes Ich denken, das seine Biographie gestaltet und dennoch eingebettet ist in einen konkreten geschichtlichen Kontext, von dem her es bestimmt wird? Was heißt es, sich zu entscheiden? Wie komme ich aus der Wahrnehmung der Welt zu einer der Situation angemessenen und zugleich mir gemäßen Entscheidung? Wer ist überhaupt das Ich? Und in welchem Bezug steht das Ich zu anderen Ichen, zur Natur und zum Geist? Welche Rolle spielt der Geist für die Frage der Ich-Entwicklung?
Die Frage nach dem Geist ist dabei keine, die als Glaubensfrage jenseits der Welt liegt, sondern eine Notwendigkeit des Denkens, die in vielfältigen Formen in der Geschichte aufgetreten ist. Wir befragen diese Notwendigkeit und beschäftigen uns mit dem, was Geist ist, sein kann und werden wird. Diesen Fragen gehen wir anhand exemplarischer Textstellen, Kunstbetrachtungen und eigenen biographischen Reflexionen nach.

Sommerwoche (optional)

Kreativität und Politik: Wie gestaltet sich Wirklichkeit?

Was Dich erwartet…

Zum Abschluss des Jahres werden wir in einer Sommerwoche das bis dahin Erarbeitete auf einer anderen Ebene vertiefen: Gemeinsam werden wir ein künstlerisches Projekt entwickeln und umsetzen, das Gedanken aus den Wochenenden aufgreift, eigene Fragen vertieft, Stellung nimmt zu gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit und die politische Verantwortung der Philosophie kreativ ins Werk setzt. Zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern entstehen in dieser Woche je nach den Interessen in der Gruppe ein Theaterstück, eine Ausstellung, eine Performance, eine Publikation o.Ä., die zum Abschluss öffentlich präsentiert werden.

„Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit?
Und Ungewissheit? Selbst Unwissenheit? –
Das Problem vom Werthe der Wahrheit trat vor uns hin, –
oder waren wir’s, die vor das Problem hin traten?“

Friedrich Wilhelm Nietzsche,
Jenseits von Gut und Böse, §1

RAHMENBEDINGUNGEN



Ort und Zeit
Die Wochenendseminare beginnen freitags um 17 Uhr und enden sonntags um 13 Uhr. Sie finden alle in Stuttgart und Umgebung statt (bis auf die Exkursion). Der genaue Seminarort wird noch bekannt gegeben.

Kosten und Unterbringung
Das Begleitstudium (Raum- & Personalkosten) wird aus Stiftungsgeldern und Teilnehmerbeiträgen finanziert. Wir erbitten von den Teilnehmenden einen finanziellen Beitrag von 900 Euro für das ganze Jahr. Nicht enthalten sind darin die Kosten für Anfahrt, Unterkunft und Verpflegung, die individuell oder gemeinschaftlich organisiert werden können. Eine Reduzierung des Beitrags ist in begründeten Fällen auf Nachfrage möglich.

Teilnahme
Wenn Du Interesse hast, Dir einen existenziellen und eigenständigen Zugang zur Philosophie zu erarbeiten, bist Du eingeladen, die Pilotphase unseres Begleitstudiums an fünf Wochenenden ein Jahr lang gemeinsam mit uns zu gestalten. Die Anmeldung ist nur für das gesamte Studienjahr möglich.

CO-DOZIERENDE DES BEGLEITSTUDIUMS

Von der Öko-Landwirtschaft über ein Bachelor-Studium im Bereich Wirtschaft hat mich mein Weg zur Philosophie geführt. Durch ein Master-Studium und eine Promotion konnte ich mich tiefer in dieses Fach einarbeiten und bin seit einigen Jahren forschend und lehrend darin tätig. Meine Begeisterung für Philosophie entstammt dem Erlebnis, dass aus der Tätigkeit des Denkens existentielle Erkenntnisse entstehen können, die uns ein wenig mehr Mensch werden lassen.

Denken ist „zu nichts nütze“

Vita & Forschungsgebiete

Johanna Hueck

Philosophisches Seminar

Ich möchte Philosophie wieder als das erfahrbar machen, was sie einst war: eine existenzielle Entscheidung, in allem Denken und Tun nach der Wahrheit zu fragen. Was für mich zunächst die Entscheidung für die Philosophie als Studienfach war, wurde durch diese Suche nach der Wirklichkeit und Wahrheit zu einer Möglichkeit, um vor dem Hintergrund der Geschichte eine lebenswerte Zukunft zu schaffen, die nach meiner Erfahrung – als Journalist in Berlin und für eine NGO in Brüssel – aus dem Bestehenden selbst nicht kommt. In meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich daher mit der Notwendigkeit moralischer Phantasie, wie sie der Philosoph Günther Anders fordert.

„Philosophieren ist kein job“

Vita & Forschungsgebiete

Fabian Warislohner

Philosophisches Seminar

Du hast interesse?
Schreib uns gerne eine E-Mail:

Begleitstudium@philosophisches-seminar.org

Unsere Postkarte zum Download (PDF):
Postkarte Vorderseite
Postkarte Rückseite