Seminare zur GEISTESGESCHICHTE
Öffentliche Seminare 2026/27:
„Lauschsamkeit – zum Wandel des Hörens: Musikgeschichte als Bewusstseinsgeschichte“
Können wir unsere heutige Bewusstseinsverfassung besser verstehen, wenn wir ihre geschichtliche Entstehung untersuchen? In der abendländischen Musikgeschichte gibt es zwei markante, krisenhafte Umbrüche: die Zeit um 1600 mit Entstehung der Funktionsharmonik und die Zeit vor gut 100 Jahren mit dem Schritt in die Atonalität, bei dem ein harmonisches bzw. tonales Bezugssystem aufgegeben wurde. Beide Umbrüche tragen krisenhaften Charakter und erfordern zu ihrer Bewältigung ein neues Hören und eine spezifische Bewusstseinsverfassung. Was macht beides aus? Und wie verhält sich Musikgeschichte zur Philosophiegeschichte? Diesen Fragen werden wir im Seminar anhand von Texten und Hörbeispielen nachgehen.
Das Seminar wird sowohl in Stuttgart als auch in Basel angeboten.
Seminar in Stuttgart
5. Juni 2027, 14:30–18:00 Uhr &
6. Juni 2027, 9:30–13:00 Uhr
Seminar in Basel
12. Juni 2027, 14:30–18:00 Uhr &
13. Juni 2027, 9:30–13:00 Uhr
Auf einen Blick
Seminare zur Geistesgeschichte – öffentliche Seminare
Zeiten
Wochenendtermine, jeweils
Samstag, 14:30 – 18:00 Uhr
Sonntag, 9:30 – 13:00 Uhr
Ort
Stuttgart bzw. Basel
Seminarleitung
Prof. Dr. Harald Schwaetzer
Peter Dellbrügger
Kosten
Teilnahmebeitrag: 95 EUR
inkl. Pausenverpflegung
Ermäßigung (auf 75 EUR) für Studierende möglich!
Alumni-Seminare 2026/27:
„Entstehung, Entwicklung und Zukunft des Gewissens“
Das Gewissen des Menschen wird als Instanz in der griechischen Antike erstmals als innere Stimme formuliert. Es tritt an die Stelle der von außen den Menschen heimsuchenden rächenden Schicksalsgöttinen. In Sophokles’ „Antigone“ (1) ist eine Tragödie auf uns gekommen, in der wir diese neue Erfahrung beobachten können. Mit dem Christentum vertieft sich die Entwicklung des Gewissens. Für Paulus (2) wird auch der Gott ein Erlebnis im Inneren, so dass sich Gewissen und Gott wiederum verbinden. Das Mittelalter trifft die folgenreiche Unterscheidung eines Gewissens im äußeren Sinne als einer anerzogenen Instanz, kulturell geprägt, und einer rein geistigen Relation zu Gott, der „synderesis“ – eine Unterscheidung, die wir anhand von Texten des Albertus Magnus erörtern werden (3). Diese synderesis geht in der Neuzeit praktisch vollständig verloren. Das letzte Seminar (4) widmet sich der Frage, wie wir diese auf eine der Gegenwart angemessene Weise wiedergewinnen können.
Die Entstehung des Gewissens in der antiken Tragödie: Sophokles’ Antigone (in Hölderlins Übersetzung)
Stuttgart
23.–25. Oktober 2026
Die christliche Bildung des Gewissens im Neuen Testament: Paulus' Briefe
Stuttgart
29.–31. Januar 2027
Schein oder Sein? Der Universalienstreit um das Gewissen im Mittelalter: Albertus Magnus
Stuttgart
16.–18. April 2027
Die Wiedergewinnung des Gewissens aus dem Geiste des Ichs: eine Aufgabe der Gegenwart
Stuttgart
23.–25. Juli 2027
Auf einen Blick
Seminare zur Geistesgeschichte – Alumni
Zeiten
Wochenendtermine, jeweils
Freitag, 15:00 – 18:30 Uhr
Samstag, 9:30 – 18:00 Uhr
Sonntag, 9:30 – 13:00 Uhr
Ort
Rudolf Steiner Haus,
Zur Uhlandshöhe 10,
70188 Stuttgart
Seminarleitung
Prof. Dr. Harald Schwaetzer,
Dr. Lydia Fechner
Kontakt
lydia.fechner@philosophisches-seminar.org
Kosten
Einzelseminar: 190 EUR
inkl. Pausenverpflegung und Bio-Mittagessen am Samstag
Ermäßigung (auf 150 EUR) für Studierende und auf Anfrage möglich!
Unser Hintergrund:
Übersetzung und Erschließung des Neuen Testaments vor dem Hintergrund antiker Spiritualität
Die Texte des Neuen Testaments wurden und werden heute zumeist als Zeugnisse einer damals neuen, ethischen Lehre oder als Lebensgeschichte eines Religionsgründers gelesen. Gleichwohl ist klar, dass diese Texte nur vor dem komplexen Hintergrund der spirituellen Praxis ihrer Zeit angemessen verstanden werden können. Den übergreifenden geistigen Zusammenhang bilden die antiken Kulte und die mit ihm im Zusammenhang stehenden spätantiken Philosophieströmungen. Aus dieser Perspektive heraus versuchen wir die Texte des Neuen Testaments zu erschließen und diesen Zugang der ersten christlichen Jahrhunderte neu für die Gegenwart zu eröffnen.
Wir bieten mehrmals im Jahr Seminare zu dieser Thematik an. Dabei diskutieren wir die neu übersetzten Texte des Neuen Testaments mit interessierten Menschen und erschließen diese so, dass sie für einen heute individuell zu übenden christlichen Weg erfahrbar werden. Außerdem verbinden wir die spirituellen Anregungen der Übersetzung mit neuen Übungsformen, Kontemplation und aktuellen philosophischen Fragestellungen. Bildbetrachtungen ergänzen den Kontext des jeweiligen geistesgeschichtlichen Zusammenhangs.
Zum Weiterlesen: Besinnung auf die Wurzeln
Die Mysterien und ihre Philosophie
Mysterienkulte waren Einrichtungen, die der spirituellen Ausbildung ausgewählter Menschen dienten, um die Basis jedweder Kultur zu gewährleisten – nämlich den Kontakt zur Götterwelt aufrecht zu erhalten und daraus das irdische Leben mit Festzeiten und Gebräuchen zu gestalten. Das zentrale Erlebnis innerhalb der Mysterien war die Einweihung eines dafür vorbereiteten Menschen als die Erfahrung des Erscheinens des Gottes („Theophanie“).
Mysterien waren als zentrale Institutionen überall vorhanden, auf ihnen fußten alle alten Kulturen in ihrer jeweiligen Ausprägung. „Nichts ist besser als jene Mysterien, durch die wir aus einem wilden und jenseits des Maßes sich vollziehenden Leben herauskultiviert sind zur Menschlichkeit (humanitas) und seelisch maßvolle Bildung erfahren haben“, beschreibt noch der römische Staatsmann und Philosoph Marcus Tullius Cicero wenige Jahrzehnte vor Christi Geburt diese kulturbegründende Stellung der Mysterien.
Der Ursprung des Christentums liegt in einer Epoche, in welcher die Mysterienkulte zwar äußerlich eine Blüte in die Kultur hinein erlebten, aber zugleich auch in eine (damals intensiv diskutierte) Dekadenz kamen. Deutet man das frühe Christentum von diesem spirituellen Umfeld her, so erscheinen die Texte des Neuen Testaments, aber auch die spätantike Mysterienphilosophie nicht zuletzt als Antworten auf eine durchgreifende Krisis der alten Kulte und ihrer Einweihungsformen. Dabei sollten insbesondere die kultischen Vollzüge dafür sorgen, dass ein Gott in einer Theophanie als Inkorporation erfahren wird. Aber eine Inkarnation in Menschwerdung Gottes war etwas vollkommen Neues. Diese Problemlage wurde in der Mysterienphilosophie der Spätantike durchdacht.
Die Erwartung
Die antike Mysterienkultur hat freilich auf einen solchen Umschwung durch die Inkarnation Gottes gewartet. Die „Messiaserwartung“ ist in den Jahrhunderten vor Christi Geburt im Jüdischen ebenso präsent wie in anderen griechischen oder kleinasiatischen Kulten die Hoffnung auf den kommenden „Soter“ („Retter“ / „Heiland“). Ob sich der radikale Umschwung wirklich vollzogen hat, ob „dieser“ wirklich der „Christus“, der „Messias“, der „Soter“ ist: mit dieser Frage lebten die Vertreter der Mysterienkultur, beispielsweise der Orden der Pharisäer.
Vom kontroversen Umgang mit dieser Erwartung berichtet das Neue Testament. Denn seine Grundaussage lautet, dass Gott Mensch geworden ist, also die erwartete Inkarnation ein für alle Mal stattgefunden hat.
Aus der Sicht des frühen Christentums ergeben sich daraus Konsequenzen für die Mysterienpraxis. Nicht mehr die Menschen unterziehen sich der immer schwierigeren spirituellen Übung, sich von ihrem „gefallenen“ Menschsein zu reinigen, um in Berührung mit dem Gott, zur „Schau“, zu kommen. Sondern die Erlösung ist prinzipiell und als Möglichkeit für jeden dadurch erfolgt, dass Gott menschliches „Fleisch“ bis hin zur leiblichen Auferstehung angenommen hat.
Die Übersetzung
Liest und übersetzt man die Texte des Neuen Testamentes, deren altgriechische Sprache für einen Leser der ersten Jahrhunderte durchaus bis in die Wortwahl derartige Zusammenhänge erfahrbar werden ließ, erscheinen die Erzählungen und Briefe in einem anderen Licht als dem heutzutage gewohnten. Die sogenannten „Ich-Bin“-Worte des Jesus Christus im Johannes-Evangelium können ein Beispiel dafür sein, dass mit dem Christentum die individuelle Entwicklung des Menschen selbst (und nicht mehr ihre Zugehörigkeit zu „Abraham“ und zum „Volk Israel“ oder zu einem bestimmten Kult) ins Zentrum rückt. Vor dem Hintergrund der Mysterientradition wird an den Texten des Neuen Testaments die Umarbeitung alter Formen der Selbstverwandlung durch den Mensch gewordenen Gott, Jesus von Nazareth, sichtbar. Sie sind nun in die Verantwortung des Einzelnen gelegt. So gelesen, erlauben die Texte eine Besinnung auf die Wurzeln und die noch zukünftige Aufgabe, einen solchen individuellen christlichen Weg zu entwickeln.
Im Projekt streben wir an, nach und nach eine kommentierte und mit Erschließungshilfen versehene Übersetzung des Neuen Testaments vorzulegen, welche diese Perspektive sichtbar macht.
Bildnachweis: Paul Klee, Das Lamm, 1920, gemeinfrei (Quelle).
