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Wenn irgendwo ein Kindgewesensein
tief in mir aufsteigt, das ich noch nicht kenne,
vielleicht das reinste Kindsein meiner Kindheit:
ich wills nicht wissen. Einen Engel will
ich daraus bilden ohne hinzusehn
und will ihn werfen in die erste Reihe
schreiender Engel, welche Gott erinnern.
[…]
Rainer Maria Rilke: Requiem (Auszug)

Liebe Leserin, lieber Leser,
was in Geschäften, Medien und Weihnachtsmärkten als Weihnachtsstimmung vermarktet wird, übertönt zumeist die allgemein menschliche Erfahrung, die der Dichter Rilke beschreibt. Schon 1908 hat er bemerkt, wie verschüttet das wahre Kindsein in ihm war und damit das Verbundensein des wirklich Kindlichen mit dem Entwicklungsweg des Menschen. Denn dieser sei – so die zitierten Zeilen – zum Engel bestimmt.
Der noch werdende Engel Mensch schreit nach dem vergessenen Gott. Aber was geschieht, wenn der Mensch nicht nur Gott vergessen hat, sondern auch sein Engel-Werden?
Das Bild des Kindes in der Krippe weist auf die Auferstehung hin als eine Möglichkeit, die aus dem Wieder-Auffinden des Kindseins ersteht. Denn Kind und Engel sind nahe Verwandte und brauchen einander.
Philosophieren heute darf daher heißen, sich denkend dem eigenen Ursprung anzunähern.
Wir wünschen Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest 2025!
Lydia Fechner,
im Namen der Mitarbeitenden des Philosophischen Seminars
Abbildung: Paul Klee: Engel vom Stern (1939)