Der Arbeitsbereich Philosophie des Forschungszentrums der Freien Hochschule Stuttgart hatte am 11. September 2026 in Kooperation mit dem Philosophischen Seminar, Stuttgart, zu einem Fachvortrag eingeladen. Prof. Dr. Yu Takahashi von der Sophia-Universität Tokio sprach über „Romantischen Kosmopolitismus bei Friedrich Schlegel und Novalis“.
Den politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart begegnete Prof. Takahashi mit einem Verweis auf die Romantiker, insbesondere Novalis und Friedrich Schlegel. Wenn Immanuel Kant die Demokratie als „Despotism“, nämlich „Widerspruch des allgemeinen Willens mit sich selbst und mit der Freiheit“, bezeichnet, so streiten die Romantiker für ein Demokratie-Verständnis, welches aus der „inneren Entwicklung der Menschheit“ (Schlegel) gewonnen ist. Der Kern dieser Entwicklung liegt in dem Satz: „Das Ich soll mitgeteilt werden“. Menschliche Iche treten einander wechselseitig in die Erscheinung; sie teilen einander mit. Dadurch entsteht Gesellschaft und Staatsform. Novalis pointiert in einer Kritik an Fichte diesen Ansatz. Wenn Fichte dem Ich das Nicht-Ich entgegensetzte, wendet Novalis kurz und pointiert ein: „Statt N[icht]I[ch] ‒ Du“. Diese Begegnung muss dem Geistigen des Menschen Rechnung tragen, so Novalis: „Das willkührlichste Vorurtheil ist, daß dem Menschen das Vermögen außer sich zu seyn, mit Bewußtseyn jenseits der Sinne zu seyn, versagt sey. Der Mensch vermag in jedem Augenblicke ein übersinnliches Wesen zu seyn. Ohne dies wär er nicht Weltbürger ‒ er wäre ein Thier.“ Damit holt er auch die Kantische Forderung aus der Schrift „Zum ewigen Frieden“ ein, der Mensch müsse „ein Staatsbürger der übersinnlichen Welt“ sein. Eine Gemeinschaft und ein Staat von Menschen bildet sich, wo sich die einzelnen Iche einander wechselseitig mitteilen und ihre jeweiligen Individualitäten und Vollkommenheiten zusammenspielen. Dieses aber ist kein natürlicher Zustand, sondern ein künstlicher: Er muss vom jeweiligen Ich gewollt und mit (dichterischer) Phantasie entworfen wie auch umgesetzt werden: „Ein natürlicher, musterhafter Mensch ist ein Dichtertraum. Mithin, was bleibt übrig ‒ Composition eines künstlichen. Die vortrefflichsten Menschen der Nation ergänzen einander ‒ In dieser Gesellschaft entzündet sich ein reiner Geist der Gesellschaft […] ‒ und der idealische Regent ist realisirt.“
Prof. Dr. Harald Schwaetzer dankte dem Referenten (Portrait anbei) für diese gehaltvollen und für die Gegenwart anregenden Überlegungen. Eine intensive und lebhafte Diskussion mit Prof. Dr. Yu Takahashi schloss sich an. Takahashi, der an der Universität Trier zu Novalis promoviert worden ist, lange Jahre in der Zeit der Atomkatastrophe an der Universität von Fukushima lehrte und jetzt an der renommierten Sophia-Universität Tokio eine Professur in der Germanistik hat, vertiefte und bereicherte seine Ausführungen, sodass die Aktualität gerade von Novalis erlebbar wurde.
