Literaturkreis zu Thomas Mann: Teufelspakt und Frage nach der Zukunft der Kunst

von | 19. Februar 2026 | Allgemein, Forschung

Zum dritten Mal in jährlicher Folge fand sich ein Gruppe von Mitgliedern des Philosophischen Seminars zusammen, um die Erkenntnismethodik und ästhetische Wirkung von poetischen Texten an einem konkreten Werk gemeinsam zu studieren und zu diskutieren. Lydia Fechner hatte diesen Literaturkreis initiiert, mit dem Anliegen, die vornehmlich gedankliche Betrachtung von Welt und Menschen der Philosophie durch die sprachkünstlerische Welterschließung der Literatur zu ergänzen. Im ersten Jahr hatten wir uns Goethes „Wahlverwandtschaften“ gewidmet, darauf folgte Adalbert Stifters Alterswerk „Die Mappe meines Urgroßvaters“ und Ende Januar diesen Jahres das Riesenwerk „Doktor Faustus“ von Thomas Mann, Höhepunkt und eine Art Abschluss seines Lebenswerks.

Cover Doktor Faustus

Thomas Manns „Vermächtnisbuch“ schließt thematisch nahtlos an die Tradition der Faust-Sage an, die – wesentliche Motive lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen – im 16. Jahrhundert aufkommt, im sogenannten „Volksbuch“ der Historie des Doktor Faustus die bekannteste Manifestation erhält und dann in Goethes Faust einen Gipfel erreicht. Thomas Mann knüpft selbstbewusst an die Geschichte des Künstlers an, der seine Seele in einem Pakt dem Teufel verkauft und transformiert das Motiv in die Bewusstseinsproblematik des 20. Jahrhunderts. Es ist hier nicht der Ort, die komplexen Inhalte dieses Meisterwerkes nachzuzeichnen. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und der unabsehbaren Abgründigkeit und Vernichtungskraft des Bösen stellt sich der Roman die Frage, aus welcher Quelle der Mensch und Künstler des 20. Jahrhunderts noch schöpfen kann, wenn die Kunst menschlich bleiben und werden soll. Das geschlossene, in sich harmonische Werk ist an sein Ende gekommen, es weiterzuführen im Anschluss an die nur an der Oberfläche noch tragenden, illusionär und brüchig gewordenen bürgerlichen Formen unmöglich geworden.

Mensch und Künstler stehen vor dem Abgrund, dessen Überwindung entweder in den Rausch der dämonischen und damit genialisch-kalten Inspiration oder zu einer zunächst stümperhaft austretenden, anfänglichen Formensuche eines unvollkommenen, suchend-tastenden Ich führt. Der Held des Romans, Adrian Leverkühn, entscheidet sich, ganz in faustischer Tradition, für den Weg in die Selbstaufgabe und ins Verderben. „Doktor Faustus“ fordert den heutigen Leser mit seiner Fülle an Zitaten, Verweisen und komplexen Bezügen heraus sowie durch die ironische Distanz zu seinen Figuren, die uns ganz auf die eigene Position, aber auch auf Beweglichkeit und Unabgeschlossenheit der Perspektiven zurückwirft. Zudem ist das Buch ein Sprachwerk, wie es nur wenige Male in einem Jahrhundert möglich ist.

Der Literaturkreis wird im kommenden Jahr fortgeführt.