Sittliches Gefühl ist Gefühl des absolut schöpferischen Vermögens, der productiven Freyheit, der unendlichen Personalität, des Microcosmus, der eigenthümlichen Divinitaet in uns. [392]
In der Tugend verschwindet die locale und temporelle Personalitaet. Der Tugendhafte ist als solcher kein historisches Individuum – Es ist Gott selbst. [394]
Novalis: Fragmente und Studien 1799/1800 (Rechtschreibung wie Original)
Friedrich von Hardenberg gab sich ab 1798 als Dichter den Namen Novalis, nach de novali: „vom Neuland“, einem alten Beinamen des Geschlechts seiner Vorfahren. Das uns überlieferte, zu seinen Lebzeiten zu geringem Teil publizierte Werk besteht aus einer kaum fassbaren Fülle von Gedichten, philosophischen Gedanken, einem Roman, Märchen, Tagebuchnotizen, Briefen, naturwissenschaftlichen und alchymistischen Ideenverbindungen, Einfällen zu religiösen, sozialen und wissenschaftlichen Themen aller Art. Darunter finden sich die oben zitierten, sehr nahe beieinanderstehenden philosophischen Thesen, über deren scheinbare Widersprüchlichkeit das logische Nachsinnen sich herausgefordert fühlen kann.

Der erste Gedanke behauptet, dass der Ursprung unserer Moralität, nämlich das sittliche Gefühl, vollkommen individuell ist. Das tiefere Fühlen, das wie eine innere Richtschnur unsere ethischen Ideen und damit unser gutes Handeln leitet, sei ein freies Produkt unserer Persönlichkeit, ausgestattet mit einer „eigenthümlichen Divinitaet“, also einer Form des Göttlichen in uns. Dieser mikrokosmische, also individuelle Ursprung des Sittlichen bezieht sich somit nicht auf außerhalb des Menschen liegende Normen und Sitten, sondern der einzelne Mensch bezieht seine Ideen aus der Freiheit des Ich; allerdings eines Ich, das über die Möglichkeit, die Potenz einer ihm eigenen, unverwechselbaren göttlichen Instanz verfügt. Wir erkennen in diesem Gedanken mit Recht einen moderne Form ethischer Selbstverantwortung und Situationsethik, jedoch ohne die einseitige Gründung auf ein materialistischen Menschen- und Weltbild: Der „Microcosmus“ bleibt hier implizit, wenn auch frei und selbständig, auf einen Makrokosmos bezogen.
Der zweite Gedanke nun greift die Frage nach den Tugenden auf, die uns traditionell als die seelischen Qualitäten eines sittlich handelnden Menschen gelten. Wie sollte z. B. eine richtiges Urteil nicht ausgehen von einem Menschen, der die Tugend der Gerechtigkeit besitzt, oder ein gesunde Lebensführung nicht von der Tugend der Mäßigung abhängen? Novalis vermerkt nun aber die allgemeine, göttliche Sphäre, der alle Tugenden entspringen: In ihr verschwinde gerade die eigentümliche Persönlichkeit. Der Tugendhafte hat somit das Individuelle überwunden; sein Handeln ist überindividuell, denn der Tugendhafte braucht im Moment der sittlich herausfordernden Situation keinen freien moralischen Ideenentwurf, sondern schöpft aus einer Eigenschaft, die als solche für alle Menschen (prinzipiell) verfügbar ist. Der Tugendhafte kann als Vorbild für alle Menschen gelten.
Haben wir es hier mit einem unauflösbaren Widerspruch zu tun?
Blickt man auf Novalis’ Werk als Ganzes, so denkt er überall und in allen Bereichen des Lebens radikal evolutiv, also entwicklungsbezogen. Der Tugendhafte lebt aus dem Bezug auf den göttlichen Makrokosmos. Hat er sich z. B. die Eigenschaft der Mäßigung durch ein übendes Leben angeeignet, so kann er darauf zurückgreifen. Er hat in sich eine seelische Harmonie (wieder-)hergestellt, die ganz eingebettet ist in die Instanz, die Novalis hier mit Gott bezeichnet. Das sittliche Gefühl des ersten, oben aufgeführten Gedankens ist individuell erst zu erzeugen, es gibt kein Prinzipielles, auf das es sich beziehen könnte. Insofern ist das sittliche Gefühl eine Fähigkeit der Zukunft, oder besser, eine immerwährende Zukünftigkeit des Ichwesens. Der aus der Mitte der Personalität frei sittlich Handelnde steht innerhalb einer jeweiligen Situation als ein Schöpferischer, der seine „Divinitaet“ selbst hervorbringt und immer neu verantwortet. Als „Microcosmus“ stellt sich der Mensch dadurch aber in einen neuen Bezug zum Makrokomos, zum göttlichen Ganzen, dem er seinen eigenen, „eigenthümlichen“ Beitrag der Sittlichkeit einverleibt – ein Gedanke, der Novalis’ Menschenbild zutiefst wesentlich ist. Er fügt dem „Katalog“ der Tugenden etwas Neues, nicht Verallgemeinerbares hinzu. Ein Widerspruch ist hier nicht zu finden, wenn man den tugendhaften Menschen als ein im Gang der Entwicklung früheres Ideal auffasst, das sittlich schöpferische Ich als ein späteres, „unendlich potenzielles“. Beide Formen der Sittlichkeit koexistieren im Menschen, insofern er Mikrokosmos und Makrokosmos in sich verbindet.
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