Die Fachtagung „Philosophie der Stille“, die in Kooperation mit dem Philosophischen Seminar am 9. und 10. Mai 2026 an der Freie Hochschule Stuttgart stattfand, widmete sich einem Grundbegriff des Menschseins, der sowohl philosophisch als auch spirituell zu den grundlegenden Erfahrungen menschlicher Existenz gehört. Organisiert von Harald Schwaetzer und Kirstin Zeyer in Verbindung mit Jan Kerkmann und Moritz R. Pretzsch, brachte die Tagung unterschiedliche historische und systematische Perspektiven auf das Phänomen der Stille zusammen. Dabei zeigte sich, dass Stille keineswegs bloß als Abwesenheit von Geräusch verstanden werden kann, sondern als produktive, erkenntnisstiftende und existenzielle Dimension menschlichen Denkens und Lebens.
Nach der Eröffnung durch Frau PD Dr. Kirstin Zeyer begann die Tagung mit dem Vortrag von Prof. Dr. Salvatore Lavecchia (Udine) über die „Stille als generative Kraft des Geistigen. Zum Begriff des ‚plötzlich‘ (exaiphnês) bei Platon und Plotin“. Im Zentrum stand der Begriff des „plötzlich“ (exaiphnês), der jene Momente bezeichnet, in denen sich Erkenntnis unvermittelt ereignet. Stille erschien hier als Bedingung einer geistigen Wandlung und als Raum, in dem Denken über sich hinausgeführt wird.
Anschließend widmete sich Prof. Dr. Wolfgang Christian Schneider (Hildesheim) Augustinus’ Denken der Stille. Dabei wurde ersichtlich, wie eng bei Augustinus innere Sammlung, Erinnerung und Gotteserfahrung miteinander verbunden sind. Die Stille der Seele wurde als Voraussetzung verstanden, um die innere Wahrheit vernehmen zu können.
Nicolaus Cusanus nutzt die Stille in „De visione Dei / Das Sehen Gottes“ (1453) für eine Frömmigkeitsübung unter Mönchen, die damit zur mystischen Theologie erhoben werden sollen. Wie Kirstin Zeyer erläuterte, verbindet Cusanus die Gottesschau mit der Glaubenspraxis, wodurch er der zeitgenössischen Bewegung der „Devotio moderna“ nahesteht. Dass die Weisheit selbst auf den Straßen ‚ruft‘, bedeutet für den Weisheitssuchenden dabei keinen Gegensatz, sondern einen Ansporn, eine immer geübtere Welterkenntnis mit dem eigenen geistigen Aufstieg zu verbinden.
Herr PD Dr. Jan Kerkmann (Freiburg) referierte zu folgendem Vortragsthema: „,Jene gänzliche Meeresstille des Gemüths, jene tiefe Ruhe‘. Die Bedeutung der Stille in Schopenhauers Theorie der Willensverneinung“. Ausgehend von der Theorie der Willensverneinung zeigte Kerkmann, dass Stille bei Schopenhauer nicht nur Ruhe bedeutet, sondern einen Zustand beschreibt, in dem der rastlose Wille zeitweise aufgehoben wird. Die Erfahrung tiefer innerer Ruhe erhält dadurch eine ethische und metaphysische Dimension.
Im Anschluss sprach Manuel Steiner, M.A. (Würzburg) über „Schweigen und Lachen: Nietzsches Rezeption und Umwertung der pyrrhonischen Skepsis“. Der Vortrag untersuchte Nietzsches produktive Auseinandersetzung mit der pyrrhonischen Skepsis und zeigte, wie Schweigen nicht allein Ausdruck von Unsicherheit oder Resignation ist, sondern auch eine Form philosophischer Distanzierung und Freiheit darstellen kann. Besonders interessant war dabei die Verbindung von skeptischem Denken und heiterer Gelassenheit.
Den Abschluss der Tagung bildete der Vortrag von Herrn Moritz R. Pretzsch, M.A. (Kassel) zu „Schweigen und Stille in Wittgensteins und Heideggers Denken“. Dabei wurden zwei unterschiedliche philosophische Zugänge zur Grenze des Sagbaren miteinander ins Gespräch gebracht. Während Wittgenstein das Schweigen als Konsequenz der Grenzen sprachlicher Darstellung bestimmt, versteht Heidegger Stille als eine Weise ursprünglichen Hörens und Offenwerdens für Seinserfahrung. Der Vortrag machte deutlich, dass Stille in der modernen Philosophie nicht als bloßer Mangel an Sprache erscheint, sondern als eigenständige Form von Erkenntnis und Weltbezug.
Insgesamt zeigte die Tagung eindrucksvoll, wie vielfältig der Begriff der Stille philosophisch interpretiert werden kann. Von der antiken Metaphysik über existenzphilosophische und skeptische Ansätze bis hin zur Sprachphilosophie und Fundamentalontologie eröffnete sich ein weiter Denkraum, in dem Stille als geistige Praxis, als Erkenntnisform und als Ausdruck menschlicher Selbstverhältnisse sichtbar wurde.
Der auf den Tagungsbeiträgen basierende Sammelband „Philosophie der Stille“ wird im Jahr 2027 erscheinen. Der Band wird in der von Moritz R. Pretzsch und Jan Kerkmann bei De Gruyter/Brill herausgegebenen Reihe „Grundbegriffe des Menschseins – Philosophische Perspektiven“ veröffentlicht. Ziel der Publikation ist es, die historischen, systematischen und gegenwartsbezogenen Perspektiven des Grundbegriffs ,Stille‘ in vertiefter Form zusammenzuführen.
Moritz R. Pretzsch