Anlässlich des Seminars über Phänomenologische Naturwahrnehmung und politische Urteilskraft seien hier einige Gedanken ausgeführt, die während des Seminars im Gespräch mit den Studierenden entstanden sind.

Für Hannah Arendt ist Urteilskraft eine Gestaltungskraft, die uns in die Lage versetzt, auch in unvorhersehbaren Situationen moralisch zu urteilen und entsprechend zu handeln. Die Ereignisse des 20. Jahrhunderts hat sie selbst als eine Bewährungsprobe dieser Urteilskraft erlebt. Besonders bekannt geworden ist ihr Ringen in ihrer Beschreibung des Eichmann-Prozesses, bei welchem sie an der konkreten Beobachtung die bekannt gewordene „Banalität des Bösen“ formulierte.

Heute sind wir nicht mehr „nur“ im Politischen aufgerufen, Urteilskraft im Arendtschen Sinne anzuwenden. Die Entwicklung des Klimas und der Zustand der Natur lassen keine Ausflucht mehr zu, moralische Fragen von diesen abgetrennt zu behandelt. Allzu deutlich ist geworden, wie sehr das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen mit dem Antlitz einer vertrocknenden und der Lebenskräfte immer mehr beraubten Natur (zu der wir in unserer leiblichen Erscheinung dazugehören) verwoben ist. Und allzu deutlich ist auch geworden, wie sehr eine immer größer werdende Abtrennung dieser Vermögen von den Kräften der Natur zur Katastrophe führt, an deren Beginn wir zu stehen scheinen.

Wenn wir mit den Studierenden nicht nur die Texte erarbeiten, die uns Begriffe wie Urteilskraft oder moralische Phantasie (Günther Anders) besser verstehen lassen, sondern gleichermaßen Übungen in und an der lebendigen Natur durchführen, kann unmittelbar erlebt werden, wie wir Natur als das Erscheinen von Pflanzen und Tieren, von landschaftlichen Bezügen und Atmosphärischem im Wahrnehmen aufnehmen und ihr denkend begegnen.

Es kann zudem unmittelbar einsichtig werden, wie dieses Gespräch von Mensch und Natur scheitern kann, aber auch verwandelnd wirkt. So verlässt man einen Ort, dem man sich aufmerksam gewidmet hat, anders als man ihn betreten hat – er hat seelisch wie leiblich einen Eindruck hinterlassen. Wer genauer hinschauen kann, lernt, dass diese Erfahrung keine einseitige ist. Es stellt sich ein zunächst leiser, aber bei fortschreitender Übung sicherer Sinn dafür ein, dass mit dem „Gegenüber“ ein geteilter Resonanzraum entsteht, in dem beide Seiten Subjekte sind.

Es wird die Frage sein, wie wir die von Hannah Arendt beschriebene Urteilskraft auf die Natur in Zukunft auszubilden in der Lage sind und bis in die Praktische Gestaltung von Landwirtschaft und Naturpflege anzuwenden wissen. Ohne diese werden wir die unvorhergesehene Lebenslage der Natur und damit unsere Lebensgrundlage nicht heilen können.